Sieben und die 7 Argumente am 7. April 2022: Ein Echo aus Fernost

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Ein Manifest

Die 7 im April

1 Hinter Sieben Bergen

Deutschland lehnt eine Impfpflicht ab: Diese Nachricht erreicht am frühen Abend des 7. April 2022 auch die ostchinesische Stadt Qingdao. China befindet sich seit über zwei Jahren im Covid-19-Ausnahmezustand. Das Land setzt auf flächendeckende, andauernde Tests und durchgreifende Eindämmungsmaßnahmen – so wie es die (damals noch) fortschrittliche Volksgesundheits-Lehre des 19. Jahrhunderts in Europa vorgemacht hatte.

Namen wie Robert Koch, Rudolph Virchow oder Louis Pasteur hatten die wissenschaftlichen und medizinischen Standards gesetzt, die bis nach China mit dem Versprechen verbunden waren: der Preis der Gesundheit, den Gesellschaften für industrielles Wachstum zahlen müssen, kann mit Vernunft und Umsicht abgemildert werden. Das Vertrauen in dieses Versprechen erschüttert Deutschland seit seiner Wende von einer Gesundheits- zu einer Krankheitspolitik über zwei Jahrzehnte. Die folgerichtig stümperhafte Covid-Politik bringt nun auch in China das „deutsche Modell“ in Verruf.

Die Geduld der chinesischen Bevölkerung wird angesichts der Dauer des immer wieder anfallsartig hereinbrechenden Zustands völliger Abriegelung und Massentestens in bestimmten Bezirken enorm strapaziert. Das wachsende Wissen der weltläufig gebildeten Eliten um die endemische Entwicklung weltweit untergräbt die Erzählung vom Killervirus. Angst und Gehorsamsbereitschaft haben sich verbraucht. Die Regierung sucht nach gesichtswahrenden Korrekturen ihres grobschlächtigen Kurses, bislang ohne Erfolg.

Womöglich handelt es sich bei dem nun im ganzen Land verhängten Quarantäne- und Lockdown-Regime um das letzte Gefecht der Kampagne, die Anfang 2020 in Wuhan begonnen wurde. Damals stand das politische China unter dem Schock, dass sich das Politik-Debakel der ersten Covid-Welle 2002 wiederholen könne. 2002 besaßen die deutschen Gesundheits- und Krisensysteme eine Stabilität und Resilienz, von denen China sich, neben denen anderer europäischer Länder, informieren und leiten lassen konnte.

Was haben die 7 Argumente mit China zu tun? Chinesische Investoren haben die ersten Expansionsschritte des Unternehmens Biontech mit ermöglicht. China hatte zunächst eine offene Haltung gegenüber der Strategie zur Entwicklung von Impfstoffen. Die früh erkennbaren Probleme der neuen mRNA-Technologie, die bis heute kein einziges regulär zugelassenes Impfmittel hervorgebracht hat, führten zunächst zu Zurückhaltung, dann zur Priorisierung traditioneller Verfahren. Die schmerzhaft erlernten Standards und aufwendig errichtete moderne Pharma-Überwachung wurden nicht aufgegeben, auch nicht unter dem Druck von Angst und Unsicherheit oder der Versuchung, Abkürzungen unter Notstandspostulaten zu nehmen.

In China wird auch viel geimpft. Das geht ohne gesetzlichen Zwang, aber mit erheblichem sozialem Druck und der Verpflichtung bestimmter Berufsgruppen – und ohne Menschenversuche mit zweifelhaften Pharmazeutika. Die Ansichten und Befürchtungen zu Impfstoffen, die entweder unzureichend schützen oder unsicher wirken, sind ähnlich breit gestreut wie in Deutschland. Der Nachweis einer ggf. mehrfach wiederholten Injektion vergrößert auch die Freiheitsräume, so dass Bedenken vielfach beiseite geschoben werden. Am 8. April 2021 stoppte die Zentralregierung in Beijing den Versuch einiger Provinzen, auf lokaler Ebene eine Impfpflicht durchzusetzen. Man müsse „die Balance zwischen der Dringlichkeit zu impfen und dem Unmut der Bevölkerung halten“.

Gleichwohl liegt heute die Gesamtzahl der Spritzungen mit unterschiedlichen Anti-COVID-19-Dosen bei 227 je 100 Einwohner. Anstelle der in Deutschland weiterhin nicht regulär zugelassenen neuartigen Substanzen werden die klassischen Impfstoffe eingesetzt, deren Wirksamkeit – im Guten wie im Schlechten – kalkulierbar erscheint. China setzt, wenigstens beim Impfen, offenbar erfolgreich auf die gesellschaftlich vermittelte Überzeugungskraft von Argumenten, einschließlich des vorbildlichen Verhaltens gesellschaftlicher Eliten, die sorgfältig von den behördlichen Exekutoren von „Maßnahmen“ unterschieden werden.

Tief verankert ist neben der Hoffnung auf schnelle Hilfe durch westliche Medizin der Glaube an die Bedeutung der Selbststärkung. Die Infektion ist nicht alles, sondern der gesamte Mensch als leiblicher Zusammenhang, bei dem es auf Gesundheit förderndes Handeln ankommt. Viele setzen auf Pharmazeutika und volksnahe Heilkunde-Techniken, aber auch auf vorbeugende, begleitende und nachsorgende Maßnahmen. Hier wird weiterhin großer Bedarf an Aufklärungsarbeit gesehen. Aus der Volksheilkunde ist neben erprobten Stärkungsmitteln etwa eine Mischung aus Backpulver, starkem Schnaps und Tee in Gebrauch, die man populär als Mundspülung gegen Corona-Erreger einsetzt.

Soeben hat ein Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation WHO eine internationale Evaluation von Behandlungen von COVID-19 mit „traditioneller chinesischer Medizin“ veröffentlicht. Darin wird aufgrund vorliegender Studien eine rigorose klinische Prüfung dieser Verfahren empfohlen, denn die Evidenz ihrer gesundheitsfördernden Wirkungen, bei milden und mittelschweren Symptomen, sei hoch. Auch hier steht das Bemühen um gute Praxis nach internationalen Standards im Vordergrund. China hält uns den Spiegel vor – wohl kein anderes Land der Welt erhofft sich so sehr vorbildliches Verhalten vom „Land der Tugend“ (Deutschland auf Chinesisch) wie China.

Grundsätzlicher geht es bei den 7 Argumenten um die Integrität der Wissenschaft, um die Qualitätssicherung der Forschung und um die Grundlagen der Volksgesundheit. Die anhand der unter dem Oberbegriff „Maßnahmen“ subsummierten Fehler und Vergehen im Namen der Covid-Bekämpfung in Deutschland, geschärften analytischen und salutogenen Kompetenzen können und dürfen nicht auf das Impf-Thema beschränkt werden. Dies kann erst ein Anfang sein, bei der Rückeroberung unserer demokratischen Kultur in Wissenschaft, Medien und Politik und für die Befriedung unserer Gesellschaft. Wir haben nun die Chance, diesen Anfang mit Blick auf die Weltgesellschaft zu versuchen. Dazu gehört, dass wir auch mit Blick auf China sichergehen, dass wir wissen, wovon wir reden und nicht gedankenlos herrschenden Narrativen oder Denkgewohnheiten folgen.

Nach 1989 ist es der vereinigten Bundesrepublik Deutschland nicht gelungen, ihre salutogenen Ansätze weiterzuentwickeln und für die realen Aufgaben einer globalisierten Welt auszubauen. Statt Solidarität und kritischem Bürgersinn übernahm die neoliberale Umwidmung des Humanen in „Fallpauschalen“ die Gesundheitsökonomie und die Bologna-Planwirtschaft die Universitäten. Der öffentliche Raum wurde postfaktisch, mut- und orientierungslos, getrieben von Ängsten und Kleingeisterei, die unsere demokratische Gesellschaft zu zerrütten droht. In den Haltungen zu unseren Körpern, zu „uns“ und „anderen“ und nicht zuletzt gegenüber „China“ offenbart sich dasselbe zweiwertige Weltbild des ewigen Kampfes Gut gegen Böse, der die Menschheit immer wieder in Krieg und Elend führt, aber nie zu einer friedlichen Weltordnung. Wir richten uns nach dem Virus und nach dem Bösen. Das ist kein gesunder Weg. Diese Haltung kann unsere beschworenen „Werte“ nur in einer Weise ausdrücken, die sich in Selbstwidersprüchen aufhebt und zerstört.

Hätte Deutschland 2020 ein Gesundheit stiftendes (nicht Krankheit verwaltendes) Gesundheits-System auf der Höhe seines Wissens und unserer Möglichkeiten gehabt, wäre China nach kurzer Zeit bestrebt gewesen, insbesondere die Resilienz und Frieden unterstützenden Bereiche dieses Systems zu verstehen und ggf. aufzunehmen. Vor 20 Jahren gab es noch Forschungsprogramme, mit denen Beziehungen zwischen sozialer und sozialistischer Marktwirtschaft durch wechselseitiges Lernen entwickelt werden sollten. 2020 hätten wir offen und mit echtem Interesse an Gesundheit über gute Covid-Politik reden können. Wir hätten China nicht mit Begriffen beschrieben, die nur unsere eigene Geschichte vorstellen, wie „Kommunismus“ oder „Diktatur“, sondern hätten unsere Lernkultur durch neue Begriffe erweitert. Vielleicht liegt hier sogar eine Chance für uns, vergangene Fehler zu korrigieren, unser Gesundheits- und Bildungswesen in demokratische Bahnen zurückzulenken. Was könnte China nun von uns lernen wollen, im wirklichen Heute? Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf die gesamte blockfreie Welt.

In China glauben viele Kollegen noch immer, Deutschland sei in sozialethischen Fragen ein Vorbild, man denkt aber, das US-Modell sei stärker, weil Deutschland sich dessen Führung unterworfen habe. So wird die Ethik zum Werte-Karussell. Wie können wir heute der historischen Verantwortung gerecht werden und aus ihr womöglich neue Kraft gewinnen? Diese Verantwortung besteht gegenüber allem, was Würde hat, also der Menschheit in jeder Person. Der China-Bezug kann uns daran erinnern, worum es immer gehen muss: das nach dem Zweiten Weltkrieg reich gewordene und behütete Deutschland schuldet es seinen Nachkommen der Opfer und Täter ebenso wie der Verpflichtung seiner Grundrechte, alles zu unternehmen, um aus unseren Privilegien ein gutes Modell zu entwickeln, durch das andere, mit weniger guten historischen Chancen, einen Mehrwert für sich schöpfen können, wenn sie wollen. Dass wir mittlerweile in vielen Bereichen, von Schulen bis zur sozialen Sicherung und Katastrophenschutz tatsächlich abgewirtschaftet haben, hat sich noch nicht bis nach China herumgesprochen.

Im „Land der Mitte“ betrachten Intellektuelle die Drohrufe der am 7. April im Bundestag unterlegenen Antragstreiber für eine Impfpflicht mit Kopfschütteln: wer als Politiker nur Furcht verbreitet, selbst aber an keine Lösungen glaubt, verstößt gegen den wichtigsten Grundsatz verantwortungsvoller Regierung – die Sicherung des Vertrauens in die politische Führung. Wer das nicht leistet, macht besser Platz für diejenigen, die Zutrauen und Kompetenz verkörpern. In China hofft man auf eine Regierung der Besten. Es bleibt für uns alle noch sehr viel zu tun.

2 Deutschlands doppelte Sieben

Ein Rückgang durch die vergangenen zwei Jahrhunderte, seit Beginn der globalisierenden industriellen Revolution, erinnert uns an die geschichtlichen Muster des großen Bildes, auf die es bei der Bewältigung jeder inneren und äußeren Krise ankommt: auf die Verknüpfung von Wissen und Urteilskraft.

Die erste politische Manifestation des neuen wissenschaftlichen Denkens unter Bedingungen der Verstädterung, Elektrifizierung und Mechanisierung zeigen sich im Denken zur „Volksgesundheit“, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders in Frankreich und Preußen. Heutige Ikonen wie Rudolf Virchow und Robert Koch setzten das Wissen ihrer Zeit in sozialpolitisches Urteilen um. Koch sagte bei seiner Nobelpreisvorlesung: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist alles.“ Im Jahr 1848 urteilte Virchow: „Medizin ist eine Sozialwissenschaft, und Politik ist im Großen und Ganzen nichts anderes als Medizin.“

Infektionskrankheiten wurden besiegt, nicht gesunden gesellschaftlichen Lebensbedingungen und der Medizin faktisch übergeordnet. Die Entscheidung, ob der „Wirt“ ein bloßer Biokörper und ob das Soziale als technischer Apparat zu verstehen sei, war damit noch nicht getroffen. Sie fiel dann bekanntlich zu Gunsten von Sozialdarwinismus und Eugenik im Sinne von Positivismus und Technikglauben aus.

Damals stand auch die Frage im Raum, ob die grundlegenden Änderungen in Staat, Ökonomie und Gesellschaft als evolutionärer Übergang oder als Revolution vonstattengehen würden. In Motiven unserer aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zeigen sich heute, zwei Jahrhunderte später, Anklänge an die Aufstellung im „Vormärz“.

Im Jahre 1837 protestierten Göttinger Professoren gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten liberalen Verfassung im Königreich Hannover durch Ernst August I. Die sieben Professoren wurden deshalb entlassen; drei von ihnen sogar des Landes verwiesen. Auch wenn sie erst viel später als moralische Riesen gefeiert wurden – die Adresse des Zentralcampus der Georg-August-Universität lautet heute „Platz der Göttinger Sieben“ – um sieben Zwerge handelte es sich bei dieser, wie wir heute sagen würden, interdisziplinären Gruppe, seinerzeit gewiss nicht, sondern in alphabetischer Reihung um: Wilhelm Eduard Albrecht (Staatsrechtler), Friedrich Christoph Dahlmann (Historiker), Heinrich Ewald (Orientalist), Georg Gottfried Gervinus (Literaturhistoriker), Jacob Grimm (Rechtswissenschaftler und Germanist), Wilhelm Grimm (Rechtswissenschaftler und Germanist) und Wilhelm Eduard Weber (Physiker).

Das von diesen Sieben verteidigte „Grundgesetz“ eröffnete sowohl dem bürgerlichen als auch dem Bauern-Stand den Zugang zur Zweiten Kammer der Ständeversammlung. Eine beschränkte Minister-Verantwortung wurde eingeführt, die Generalsteuerkasse mit der bis dahin unabhängigen Königlichen Generalkasse zu einer einheitlichen Steuerkasse vereint. Sie war dann dem Haushaltsrecht der Ständeversammlung unterworfen. Nach dem Ende der englisch-hannoverschen Personalunion wurde Ernst August König von Hannover und hob dieses Staatsgrundgesetz sofort auf, am 1. November 1837. Das war es, wogegen die Göttinger Sieben sich gemeinsam wehrten.

Bekannt erscheint uns auch die menschlich-kollegiale Seite dieser Auseinandersetzung. Ende November 1837 hatten der Prorektor und die vier Dekane dem neuen König ein Schriftstück übergeben, mit dem sich die Universität (!) „von aller Gemeinschaft mit den Sieben lossagt“ und deren Gesinnung schmäht, ohne dafür ein Mandat von der Universität zu haben.

Diese Affäre ist politisch als Beitrag zum Vormärz einzuordnen, der durch das Aufkommen von Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus geprägt war. Dagegen formierte sich eine restaurative Politik der Verfolgung und Unterdrückung, betrieben von der „Heiligen Allianz“ aus Preußen, Russland und Österreich, unter Metternich.

Wesentlich für die Kämpfe des Vormärz war, neben Meinungsfreiheit, freiem Handel und politischer Mitbestimmung des Bürgertums, die „soziale Frage“ aufgrund der Industrialisierung. Armut, moralischer Verfall der neuen Eliten und geistiger Kampf um Deutungshoheit befruchteten Kunst, Literatur, Kultur, besonders aber die innere Spannung zwischen hermeneutischen und positiven Wissenschaften bzw. Disziplinen, die sich in der Spannung zwischen Vormärz und Biedermeier gegenüber standen. Dass dieser Streit nicht im Sinne von Aufklärung und sozialem Frieden überwunden werden konnte, zeigte sich spätestens mit dem Sieg des National-Sozialismus knapp 110 Jahre später.

Damals verkörperten die „Göttinger Sieben“ freilich Hoffnung, Aufbruch und die Veredelung des Menschen. Sie wurden 1840 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. empfangen, der politisch Verfolgte teilweise rehabilitierte. Gleichzeitig zeigten sich Solidarisierungs-Effekte über Landesgrenzen hinaus. Die drei Ausgewiesenen erhielten weiter ihr Gehalt – aus Spendengeldern, heute würden wir von Crowdfunding sprechen. Ein vorläufiges Zwischenergebnis dieser Entwicklung war die Etablierung des Liberalismus als gesellschaftliche Kraft. Jacob Grimm erläuterte später seine Haltung, „Über meine Entlassung“ (1838) so:

„Die Geschichte zeigt uns edle und freie Männer, welche es wagten, vor dem Angesicht der Könige die volle Wahrheit zu sagen; das Befugtsein gehört denen, die den Mut dazu haben. Oft hat ihr Bekenntnis gefruchtet, zuweilen hat es sie verderbt, nicht ihren Namen. Auch die Poesie, der Geschichte Widerschein, unterläßt es nicht, Handlungen der Fürsten nach der Gerechtigkeit zu wägen. Solche Beispiele lösen dem Untertanen seine Zunge, da wo die Not drängt, und trösten über jeden Ausgang.“

Das Bewusstsein dieses „Befugtseins“ aus der Kraft des „sapere aude!“ knüpft nahtlos an Kants Aufklärungsmotto an und verbindet das 18. mit dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts möchte man ausrufen: Platz den Sieben – in den Köpfen, in der Wissenschaft und frei von Politik! Ein geistesgeschichtliches Bindeglied couragierter Wissenschaft und sozialethischen Engagements findet sich, wiederum in Göttingen, im Kampf gegen die Arroganz und Ignoranz der Macht gegenüber ihrer staatlichen Verpflichtungen nach dem Grundgesetz der jungen Bundesrepublik.

3 „7 Plus“ für Demokratie und Freiheit: die Göttinger Erklärung von 1957

Die Debatte um die Ausstattung der US-Truppen in der BRD mit taktischen Atomwaffen führte im Laufe des Jahres 1956 in der Bundesrepublik zu einer immer heftiger werdenden Diskussion, besonders mit Blick auf die neugegründete Bundeswehr. Befürchtungen verbanden sich mit dem Namen Franz Josef Strauß, der als Atom-Minister zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Deutsche Kernphysiker im „Arbeitskreis Kernphysik“ der Deutschen Atomkommission, darunter Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, bemühten sich im Gespräch mit Strauß, das Vorhaben zu verhindern.

Dennoch deklarierte Bundeskanzler Konrad Adenauer in einer Presseerklärung am 5. April 1957 taktische Atomwaffen als „besondere normale Waffen“, ein innovatives Framing. Daraufhin verabschiedete der Ausschuss „Kernphysik“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft eine Erklärung, die zunächst 18 Atomwissenschaftler – neben Weizsäcker u. a. die ehemaligen oder gegenwärtigen Göttinger Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Max von Laue und Wolfgang Pauli – unterzeichneten. Aufgrund ihres Fachwissens wiesen sie die verharmlosende Darstellung der Bundesregierung zurück und verlangten eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren von Atomwaffen.

Die Regierung wurde aufgefordert, auf eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu verzichten, um die Menschen in der Bundesrepublik nicht noch weiter zu gefährden. Ähnlich wie genau 120 Jahre zuvor beim Protest der „Göttinger Sieben“ blieb die Unterstützung durch die Universität und die Stadt Göttingen, ebenso wie durch die entscheidenden politischen und akademischen Gremien, eigentümlich verhalten. Damals machte die „Göttinger Erklärung“ seriöse internationale Kollegen und die lebendige Medienkultur in der deutschen Gesellschaft und überall in der Welt bekannt.

Die innenpolitischen und globalen Folgen der atomaren Aufrüstung trugen in den folgenden Jahrzehnten zu erheblichen Spannungen bei, bis hin zum „Heißen Herbst“ des Jahres 1983. Die Chance der befreiten geistigen und wirtschaftlichen Ressourcen in Folge des Mauerfalls 1989, das vereinigte Deutschland unabhängig, gebildet und frei in seiner Verfassung zu verankern, wurde nicht genutzt. Seitdem hat sich „Framing“ an die Stelle von Aufklärung, Identität an die Stelle von Gleichheit und Beliebigkeit an die Stelle von Vielfalt gesetzt. Den Tiefpunkt dieser Entwicklung markiert die Reaktion auf COVID-19 und der Versuch, die Bevölkerung unter dem Etikett einer „Impfpflicht“ in ein Verhältnis politisch-moralischer Leib-Eigenschaft zu zwingen.

Die Stunde der „7 Argumente“ war gekommen.

4 Sieben: Argumente für Verantwortung und Wissen

Mit dem Weg der Argumente überschreiten wir eine Grenze.

Die Wahrheit zu personalisieren, um ihrem Auftritt Autorität und Vertrauen zu verleihen, ist eine lange gewachsene Kulturtechnik. Die selbstverständliche Verbindung zwischen einer Aussage darüber, worauf es ankommt, und dem Aussagenden, der davon Zeugnis gibt, ist mit dem Siegeszug von „alternativen Fakten“, manipulierendem Framing, zweckwidrigen Institutionen und Aufmerksamkeits-„Gezwitscher“ erschüttert worden. Wir sind in die Krise geraten, die innerliche, „ja mehr den ganz verheeret“ (Gryphius, 1636). Eine Rose ist nunmehr keine Rose keine Rose, schon gar nicht, wenn ich sie dir zeige oder gebe. Die Wahrheit hat heute weder Gestalt noch „rote Linien“, keine Partei ist ihr verpflichtet. Vielmehr werden „Wahrheiten“ gestaltet. Alles steht zur Disposition, ist Interesse (Dazwischen-Sein), verweht im Wind sozialdarwinistischer Naturkämpfe. Zugleich verlernen wir den leichten Ernst, zu spielen, um besser zu werden. Die Grimmsche „Befugnis“ hat weder Körper noch Ort, bloß Sinn und Verstand. Welche Macht verleiht das?

Diese Krise geht mit massiven Verletzungen der Würde und des Selbstwertgefühls der Menschen einher. Ein herzloser Leib wird zum Setzkasten, ein hirnloser Leib zum Produktionsfaktor ohne Wert an sich. Auch die gesunde Reaktion der Scham verkommt zu einem frivolen Witz. Nach der Störung von Bildung und Wahrheitssuche unter „Bologna“ und der Zerstörung der Gesundheit durch „Fallpauschalen“ bleibt nur noch das Vertrauen – nicht in führende Menschen oder Regeln, sondern in die Selbstheilung durch Meditation. Wir beginnen beinahe wieder von vorn, bei der aristotelischen Theorie als Lebensform, als hätte es die „kopernikanische Wende“ nie gegeben. Menschlichkeit und Gerechtigkeit ziehen sich in den Logos zurück und müssen die gesamte Ethik, Politik und Wissenschaft neu erfinden?

Vielleicht nehmen wir zumindest das Echo der Essenz mit auf, die zweihundert Jahre Erfahrung des modernen Menschseins mit seiner Zerrissenheit eine Ahnung vom Einheitssinn erhält. Das ist ein Kampf, der alle anderen Mittel der Macht als die des Geistes unterläuft, oder jedenfalls: unterlaufen muss. Dieses urwüchsige Wissen steckt exemplarisch in der konfuzianischen Lehre vom Primat des Vertrauens, als dem letzten Rückzugsort der Vernunft, wenn man sich weder intelligent verteidigen noch leiblich ernähren kann. Da die Autorität von Menschen, zumindest einstweilen, ohnmächtig geworden ist, kommt es für die Heilung auf die letzten Mittel an, nämlich das wahrhaftige Argumentieren-Wollen. Das ist eine echte Notlösung. Wenn Menschen und Institutionen keine Autorität mehr haben, bleibt dieser Silberfaden als einzige Barriere gegen die totale Willkür.

Es ist kein Zufall, dass die Zahl 7 in diesem Zusammenhang so oft anzutreffen ist. Denn sie drückt ein strukturelles Muster komplexer Beziehungen in sozialen Interaktionen aus, ebenso als „Miller’sche Zahl“ den Horizont unserer Aufmerksamkeit. Sie verknüpft und öffnet die Verbindung vieler Perspektiven und Erfahrungen für das, was sein soll. Nicht allein Statistik, Naturwissenschaft, Recht, Geschichte, Medizin, Kultur und Philosophie. Die materielle Welt und ihre Ordnungskonstrukte werden durch Raum und Zeit für den Geist aufgeschlossen. Auf diesem Weg legt man die Siebenmeilenstiefel ab und versucht zu fliegen.

Für Wissenschaftler geht es darum, unsere Wissens-Gründe zu erschließen. Gemeinsam die vielstimmigen Bestände und Impulse aus den Disziplinen und Persönlichkeiten zu heben, um ein neues Momentum zu erzeugen. Daraus spinnen wir den roten Faden des Arguments, mit Urteilskraft und Wissen um die Welt-Geschichte. So verbindet sich jeder sperrige kleine Ansatz mit dem Geist der Wissenschaft, wird wieder zu Wissenschaft als Verfahren. Das geht nur im Singular. Selbstverständlich unterscheidet sich dieses Unternehmen in Thema und Methodologie substanziell von dem, was heute als harte oder Natur-Wissenschaft(en) firmiert.

Das wissen wir, denn immerhin hat sie mit der Hermeneutik schon früh eine neue integrative Antwort auf die positivistische Attacke gegen den Humboldt’schen Wissenschaftsbegriff angeboten. Dieses „geistige Band“ des mephistophelischen Faust hat in der kontinentaleuropäischen Welt eine beachtliche Erfolgskurve erlebt; auch das klassische China kennt einen solchen ganzheitlichen kultivierenden Wissenschaftsbegriff, dem der lernende Weg, die Methode, erst als Selbstzweck gerecht werden kann. Leider hat dieser kritische Ansatz dann seit den 1950er Jahren die Waffen gestreckt, ausgerechnet gegen die ideologische, für sich genommen minderbemittelte und nur unter Bedingungen des McCarthyism mögliche, „Two Cultures“-Kampagne (CP Snow). Pseudo-„Bologna“ hat ihr schließlich im Getriebe des postmodernen Neoliberalismus den Rest gegeben.

So finden wir uns in den Trümmern jener Weltordnung wieder, die wir vor und nach zwei Weltkriegen aufgebaut und in der wir uns eingerichtet hatten. Als Getriebene wertlosen Eiferns sehen wir, dass sich die Getriebe unserer Zivilisation leer um ihre Achsen drehen. Schemenhaft hält man uns Zerrbilder des Wahren, Schönen und Guten vor, zu deren Verwirklichung unsere Vorfahren im Zeichen der Vernunft und Menschlichkeit aufgebrochen waren. Wir lassen Spielplätze absperren, statt Anstand zu lehren; schließen öffentliche Toiletten, statt Hygiene zu ermöglichen; „impfen“ ohne Impfstoff zu entwickeln; wir lassen Maßnahmen verkünden, ohne wissen zu wollen, warum und wozu; schon gar nicht statten wir die öffentliche Ordnung mit einer funktionierenden Infrastruktur aus: kein Personal, keine Datenerfassung, keine Übersicht. Was soll man daraus lernen?

Ohne Standarte flattert die Fahne der Demokratie wirr im Wind. Doch die Farben des Regenbogens sollen wir hissen – denn alles ist weiß, rein, wie der Tod. Ohne Sprache hudelt die Hymne der Einheit durch gesichtsverhüllte Stadien, was lebt oder atmet erzeugt Ekel und Angst. Freudlos verrichten wir, mechanisch und hilflos nachahmend, die Rituale unserer politischen Kultur. Wir konsumieren Wahlen, statt uns abzustimmen, beschwören unsere Größe durch Nebelkerzen im Spiegelkabinett. Kopflos verbeißen wir uns in solch unverstandene Verrichtungen, auf Leben und Tod. Gesundheit, Bildung, Gemeinschaft erlauben wir keinen Sinn. Und so weiter.

Die Wissenschaft ist der Schopf, an dem sich die Urteilskraft selbst aus dem Sumpf der Verzweiflung zieht. Diese Hoffnung ist absurd – und darin liegt, mit Camus, die Kraft der Revolte, diesmal richtig abzubiegen. Sie ist die Entscheidung der Liebe des Herzens, der Freude der Seele und des Lichts der Vernunft. Der Ruck führt zum Sprung, in eine Zukunft, ins Ungewisse – zurück ins Leben. Das ist kein Pathos, sondern die erbärmliche Größe unseres Menschseins. Dann wird Unwissen zum Staunen, über das was sich zeigt.

Die Hoffnung der Aufklärung schafft sich unermüdlich ihren Weg in die Welt. Auch andernorts. Wieder sind es Sieben, diesmal Ärzte und Mediziner, die am 11. Mai 2022 in einer „Erklärung zur Wiederherstellung wissenschaftlicher Integrität“ 17.000 Kollegen Gesicht und Stimme geben, um das Narrativ zu COVID-19 und die politischen Maßnahmen in seinem Namen zu beenden.

Sehen wir uns unsere Siebensachen mit wachem Blick an und sortieren sie neu für den heutigen Gebrauch. Wir können daraus Kraft ziehen und vieles lernen, nicht vor der Größe und Komplexität erschrecken – denn eben dafür gibt es ja Wissenschaft: für methodische Reduktion und Aufklärung. Machen wir also einfach unsere Arbeit, mit geschärften Sinnen und guten Argumenten!

5 Sieben Sinne als Argument

Aufklärung braucht reale Orte, um Einheit zu stiften. Der Sinn geht durch die sieben Organe. Wer empfängt, rehabilitiert und ermöglicht das weitere Wirken von Demokraten in unserer heutigen Demokratie? Universitäten, Akademien, Räte, Medien, Parteien, Mäzene, Schulen…? Es bleibt, ganz im demokratischen Geist, die brüderliche Selbstorganisation der Gleichsinnigen. Indem die märchenhaften (immer wieder:) Sieben, im Verein eine Gemeinschaft machen, verleihen sie dem Argument Stimme und Gehör, lassen das Eine für alle erklingen und befreien die Individuen aus der tödlichen Enge ihrer Identität.

Dies zählt zu den – erheblichen – Unterschieden zu früheren Zeiten. Wir haben die Abwege der Freiheit, der Nation, der Brüderlichkeit ausreichend schmerzhaft erfahren, um besser navigieren zu lernen. Darwinismus, Eugenik, Staatsterror, industrielle Entmenschlichung, Unterwerfung unter Technik oder Vernutzung von Leben: Das wollen wir nicht, das brauchen wir nicht. Identität ohne Offenheit für das Werden des Subjekts mauert uns in Silos ein. Das alles steht geschrieben, bei Anders, Adorno, Mitscherlich oder Arendt. Es waren naturgemäß abstrakte, prospektive Hinweise. Dann folgte Nachschub an realem Erfahrungswissen.

Seit 2000 haben wir mittels der globalen Informations-Vernetzung und Forschungsindustrie eine Flut empirischer Evidenz und historischer Entwicklungsmuster aus ganz unterschiedlichen Sektoren und allen Teilen der Welt bezogen, das ging sehr schnell. In der Zusammenschau mit dem vorliegenden Wissen über die Mechanik des NS-Regimes und des Kolonialismus steht uns jetzt ein riesiger und gewichtiger Fundus zur Verfügung. Diesen wissenschaftlich auf der Höhe unserer Zeit zu durchdringen, indem wir geistige Einheit stiften, steht aus. Auch haben wir die gewandelte Weltlage bisher kaum als Zugewinn an sprachlicher und kultureller Kompetenz in Betracht genommen. Als Wissenschaftler – von Sprache, Kultur, Kunst über Philosophie, Ethik, Ökonomie bis zu Recht, Medizin und Naturwissenschaften – und immer weiter über den Horizont hinaus, haben wir die Mittel und die Aufgabe, diese neue Situation zu nutzen.

Die politische Welt ist heute weniger vielfältig und dynamisch als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jahrzehnte großer Erzählungen, harter und weicher Kriegführung haben den sie befruchtenden Reichtum verbraucht und eine pathogene Monokultur teils begünstigt, teils erzwungen. 2022 gilt ein Krieg auf europäischem Boden als einzigartig, als gehöre der Balkan nicht zu Europa, die beredte Empörung der Öffentlichkeit überspielt was wir wissen müssen: für Krieg gibt es keine Worte und nur eine glaubwürdige Politik – ihn zu beenden. Die „Siebenschläfer“ der Legende schliefen 195 Jahre lang eingemauert. Sie erwachten dann, um ihren Glauben zu bezeugen. Wir konnten zwei Jahrhunderte vom Ewigen Frieden träumen. Heute geht es um eine demokratische Renaissance. Wir müssen wieder wach werden, früher als 2035, zur Mündigkeit reifen, wenn wir uns der menschlichen Wertschätzung würdig erweisen wollen. Wir können Demokratie besser wagen!

6 Sieben mal sieben Jahre: Überlieferung

Wissenschaftler stehen vor der großen Herausforderung, sich im öffentlichen Raum und unter Bedingungen fundamentaler Verunsicherung zurecht zu finden, die ihre konzeptuelle Grundlage, einzig der Wahrheitssuche zu dienen, in Frage stellen. Dass dies kommen würde, war angekündigt: „Um die Lügen der Gegenwart durchzusetzen, ist es notwendig, die Wahrheiten der Vergangenheit auszulöschen.“ Orwell war kein Prophet oder Hellseher, er war ein klarsichtiger Kenner der Menschen. Nach 1984 wurden wir Zeugen, wie das wirklich aussieht, wie es sich anfühlt, was es bedeutet dabei zu sein. Wenn alle anderen die Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann geht die Lüge in die Geschichte ein und wird Wahrheit. Das alles ist nun so. „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ Aber „1984“ ist nur irgendein verfilmter alter Roman.

Als Wahrheitsministerium regiert ein Algorithmus industrieförmiger Optimierung, der „unterhält“ statt der „Moral von der Geschicht’“ nachzuspüren. Seine Geschichten bemächtigen sich der Geschichte, der Sprache, der Wissen schaffenden Wertschöpfung. Dieser Algorithmus gebiert „Ethnomathematik“ und Selbstzensur, verfügt jedoch zugleich auch selbstherrlich über diese. Von der Fähigkeit zum kritischen Lesen und dem Grundsatz wissenschaftlicher Integrität kaum eine Spur. Die leeren Hüllen starker Worte werden vermarktet, bis ihnen, nach der Überzeugungs-, sogar die Überredungskraft ausgesaugt wurde. „Solidarität!“ – ein Trauerspiel. Davon sind besonders politisch ungefestigte unzureichend allgemeingebildete junge Menschen betroffen. Sie müssen ihren Platz im System finden, sind „formbar“, noch nicht ganz und gar Teil des großen Apparates.

Die Generationenfrage ist nicht nur eine des sozio-ökonomischen Gesellschafts-Vertrages. Als sozialer Lernraum hat die Wissenschaft die Aufgabe, Wissens-Kompetenz zu vermitteln. Dabei soll die innere Einheit von Wissen als Menschheitsprojekt synchron und diachron ertüchtigt werden. Die nachfolgenden oder jüngeren Kommilitonen sollen mit dem Ziel gebildet werden, Wissenschaft nicht als Karriere oder Mittel zum Zweck sondern als Selbstzweck zu leben. Sie wollen eigenständig lesen, rechnen und schreiben können, nicht nur fachlich sondern vor allem wissenschaftlich und auch zwischen den Zeilen. Wer vermittelt die Grundlagen? Würden die Disziplinen zusammenspielen und unabhängig sein, wären Schule Räume sozialen Lernens und mit Bildung und Ausbildung unter dem Ziel verbunden, Wissen zu schaffen, könnten alle ihren Beitrag leisten und zugleich von der gegenseitigen Veredelung wissenschaftlicher Wertschöpfung und gesellschaftlichem Nutzen profitieren. Ein Verhältnis von Vertrauen, Wertschätzung, Kritik und Zusammenarbeit drückt den Geist der Wissenschaft aus und ist ein hartes Kriterium für die Legitimität realer Wissenschaftsorganisation. Wo gibt es das?

Jugend braucht Zeit, Freiraum und Unterstützung, um Erkennen zu erleben und Bildung zu erfahren. Sie braucht nicht noch mehr Daten- und Fakten-Wischiwaschi sondern gute Informationen und die Fähigkeit sie klar einzuordnen. Der Umgang mit SARS 2 ist, im Großen wie im Kleinen eine Bankrotterklärung, was diese Fähigkeit betrifft. Deutschlands Bereitschaft, mit globalen Dimensionen öffentlicher Gesundheit umzugehen, ist nach SARS 1 regelrecht abgestürzt, so dass die Verantwortlichen nicht einmal wissen wollen, wie es um die Sache steht. Denn sie haben das System der Früherkennung, Qualitätssicherung, Krisenprävention und Frühintervention entkernt und „abgebaut“. Die Rollenmodelle in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik haben Kurzsicht, Bequemlichkeit und fehlende Lernbereitschaft vorgelebt. Behilflich dabei war die völlige Fehleinschätzung der eigenen Position und Spielräume, im religiösen Glauben ans „Ende der Geschichte“.

Ein solides deutsches Wissenschafts- und Gesundheitssystem hätte einen großen Unterschied für den Umgang mit der Pandemie weltweit bedeutet, verheerende Kurzschlüsse vermieden und Modelle guter Praxis inspiriert. Es hätte den wissenschaftlichen Nachwuchs zu Kritik ermuntert und kreative Projekte ermöglicht, nicht zur „Lösung“ sondern zum Verstehen der Probleme motiviert.

Wo vermitteln wir überhaupt noch die übergeordneten methodologischen und kritisch-historischen Kompetenzen, die Wissenschaftsfreiheit ertüchtigen? Wo leben wir soziale Kompetenzen, mit und von einander zu lernen, nicht über oder gegen, sondern mit dem anderen zu sprechen? Wo befassen wir uns, nach Humboldt, mit der Vielfalt im Wesen von Sprache? Diese Verbindung des sozialen und wissenschaftlichen Menschen findet im Rahmen der Institutionen kaum statt, die hochgradig durch-administriert und reguliert sind, als wären Hochschulen Unternehmen einer Planwirtschaft. Wir schneiden durch Regulation, Anreize und technische Strukturen die klugen und fleißigen jungen Leute von der geschichtlichen und methodologischen Einheit der Wissenschaft ab. Erst wenn sie Bücher lesen dürfen, sollen und können, bilden sich die Studenten für die Zukunft der Wissenschaft.

Wo stehen, in alledem, die Älteren, zu ihrer Verantwortung, indem sie ihre Autorität annehmen und sich den Jungen gegenüber als vertrauenswürdig erweisen? Abkürzung und Kontrollzwang führen nur selten ins Genialische – heute befeuern sie den Jakobinismus, der Köpfe rollen sehen will und taumelnd in Kauf nimmt, dass seine „cancel culture“ in Wirklichkeit die Kultur selbst abkanzelt und abschafft. So stehen wir nun da, die Entscheider wissen nicht, wovon sie reden, und tun nicht, was sie sagen. „Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke“… Der Sumpf ist tief. Das Argument muss mehr ausrichten als die Biedermänner vor Überrumpelung durch Brandstifter zu schützen, nicht nur denen in den Arm fallen, die willfährig das Zündholz reichen. Es muss gelingen, die Bereitschaft, sich dem frechen Schein eines moralischen Anspruchs zu unterwerfen und den Usurpatoren sogar die Mittel zur eigenen Vernichtung in die Hand geben, im Ansatz zu entlarven und den guten Willen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Vielleicht braucht es hierfür eine Neugründung der Akademie. Klassisch modern, um aus den niedergebrannten Traumgebilden die Flamme der Vernunft zu beleben, anstatt die Asche anzubeten. „Humboldt 4.0“?

7 Sieben auf einen Streich

Angesichts der Kritik der „7 Argumente“ und ihrer, von einigen befürchteten, von anderen erhofften Wirkung, mag mancher daran denken, diese Kassandra mit einer weiteren volkstümliche „Sieben“ aus der Welt zu schaffen. Wie im Märchen. „Sieben auf einen Streich“ loszuwerden ist immer verlockend. Die sieben Sinne mit allen Siebensachen in den Sumpf zu stoßen, würde viel Aufarbeitung, Versöhnung und Lernschmerz ersparen. Dazu müsste ein Apoll dieser Kassandra in den Mund spucken. Es fehlt auch nicht an solchen Möchtegern-Sonnenkindern. Sie bleiben allerdings einstweilen an ihrem Mundschutz kleben. Zudem braucht unsere siebenmal körperlose Kassandra keinen Mund, um gehört zu werden. Der Geist der Argumente weht frei.

Das Lehrstück behandelt aber ohnedies in Wahrheit kein Erfolgsmodell, sondern eine ironische Warnung: seht hin, fragt nach, denn am Ende gewinnt wohl der, vor dem ihr Angst hattet, unerwartet und aus den falschen Gründen. Denn ihr hattet seine Sprache und seine Mittel nur in eurem Sinne interpretiert. Ihr konntet ihn nicht kontrollieren.

Das tapfere Schneiderlein ist eine Variante des Kindes, dessen gerader Sinn „des Kaisers neue Kleider“ als nichtig sichtbar werden lässt. Es ist einfach da, erscheint, aus eigener Befugnis um Zeugnis abzulegen und gegen alle Konvention das Zweckdienliche zu tun. Der Zweck des Kindes ist die Menschheit im Spiel zu kultivieren. Der Zweck der Wissenschaft ist die Wahrheitssuche.

Hier und heute dürfen wir den Druck der Konformität nicht unterschätzen. Angst und Schwerkraft möchten sich verbinden, um es dem Trojanischen Apoll gleich zu tun, auch wenn sie im Streulicht des Sumpfes keine erhabene Figur machen und ihnen von irgendwo ein Gewissen zusetzt. Empörung macht groß und blind. Was wir als siebenfältige Geister gerade frei unternehmen, „tut man nicht“. Diesem, für sich genommen widersinnigen, Einwand ist zuzugestehen, dass jeder Einzelne eine Bringschuld hat, anständig und bescheiden zu bleiben und nicht einfach „aus der Reihe zu tanzen“, sei es aus der eines Verbandes, einer Akademie oder eines „Rates“. Wo jedoch der Anstand es gebietet, und die Autorität das Grimmsche „Befugtsein“ trägt, wird Loyalität, die sich selbst in Frage stellen und bestätigen kann, den bloßen Gehorsam übertrumpfen.

Heute ist der Ruf nach Bewegung und Reform in unserer Demokratie nicht nur der Sache nach angemessen, sondern auch aus den historischen Erfahrungen zwingend. Wir müssen die historischen Verbindungen nicht nur feststellen, wir erkennen Grundlegendes im Heute wieder. So einfach ist es selten, das Richtige aus den richtigen Gründen zu tun.
Erst die Zumutung an das Schneiderlein, es wäre Teil ihres „Spiels“ um Macht und Glanz, oder einfach ein Spielstein, dessen gefesselte Stärke ihnen dienstbar gemacht werden solle, schafft die Voraussetzungen, Handlungsräume und Möglichkeiten, aus denen sich die Revolte entfaltet: der Narr kommt auf den Thron und entpuppt sich dort als weise, gütig, humorvoll – als alles das was die rigide Gewalt der herrschenden Ordnung bislang ausgeschlossen hatte.

Die List der natürlichen Vernunft triumphiert sieben mal siebenmal – im Märchen. Uns genügt es einfach.